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Von Lehramtlerinnen und anderen Unmöglichkeiten

Wenn es eine Spezies gibt, dich ich hasse, dann sind das kleine stets adrett gekleidete Studentinnen, die immer im Rudel auftauchen und immer gute Laune haben. Sie haben Pferdeschwänze oder zumindest angesagte Kurzhaarfrisuren, perfekt gezupfte Augenbrauen und schminken sich sogar für Fachdidaktik.

Sie tragen Strickjacken und Stoffhosen, haben niedliche kleine Sommersprossen auf dem gepuderten Näschen und selbstverständlich haben sie auch einen Freund, der sie in allem unterstützt, was sie tun. Jeden Donnerstag gehen sie reiten, auf einem Pferd, das sie schon zehnmal abgeworfen hat, das sie aber trotzdem lieben. Zwischen den Vorlesungen sitzen sie immer in Gruppen auf dem Rasen, denn natürlich haben sie ihre Stundenpläne aufeinander abgestimmt. Sie begrüßen sich jeden Morgen mit Küßchen links und Küßchen rechts, und es gibt nichts schöneres, als über den Pädagogik-Professor zu lästern, weil sie seinetwegen gestern abend nicht zu ihrem Freund konnten und bis elf Uhr an dem Protokoll gesessen haben, das er unbedingt heute haben muss.
Sie gehen jeden Mittag um Punkt Zwölf zusammen in der Mensa essen, das macht man ja so als richtig cooler Student; mindestens eine von Ihnen ist in einer Fachschaft oder im AstA, man muss ja wissen, wo’s langgeht.
Sie sind selbstverständlich noch perfekt in der Regelstudienzeit, und Mami und Papi sind Doppelverdiener mit eigenem Häuschen, und ganz furchtbar stolz auf ihr kleines Töchterlein und wenn sie nachmittags zusammen Kaffee trinken und Kuchen essen, hat das arme kleine Ding keine anderen Sorgen als ihr zukünftiges Dasein als Hauptschullehrerin, denn obwohl man es nicht ausspricht, hängt es ständig im Raum: Holldrio, guckt mich an, ich bin Lehramststudentin und ich weiss genau, was ich tue!
Sie sind absolut überzeugt davon, zur Lehrerin berufen zu sein, und verdrängen ganz spontan, dass sie sich diesen Studiengang nur ausgesucht haben, weil sie über keinerlei Fantasie verfügen, und bis zum Abitur keinen Beruf besser kennen gelernt haben als den des Lehrers, und nur deshalb unfähig sind, eine andere Perspektive zu entwickeln.
Wenn sie denn mal tatsächlich auf einen angehenden Magister wie mich treffen, ziehen sie bei dieser Gelegenheit gleich mal pseudo-respektvoll die Augenbrauen hoch und fragen schelmisch aber doch heimlich genugtuerisch grinsend, was man denn später damit anfangen wolle? Als wäre es eine Strafe, sich später soweit wie möglich von desillusionierten, uninteressierten Kindern fernhalten zu wollen, die Schule als Folter empfinden und Lehrer für die Sachbearbeiter des Teufels halten. Von den garantierten Nervenzusammenbrüchen mit dreißig und fünfundvierzig mal ganz abgesehen.
„Journalistik oder so.“ sage ich dann und ernte ein „Aha. Ist bestimmt interessant“, was soviel heißt wie: „ Also arbeitslos. Pfh.“
Solche Gespräche ergeben sich gottseidank selten, meist nur dann, wenn die kleinen Lehramtlerinnen sich erwachsen fühlen wollen und sich trauen, eine unbekannte Studentin nach einem Feuerzeug zu fragen, oder auch, wenn es sich mal zufällig ergibt, dass man nebeneinander in einem Kurs wie Fachdidaktik verrottet.
Es soll ja tatsächlich Studenten geben, die das interessiert. Kaum zu glauben, und auf den ersten Blick scheint das auch nicht der Wahrheit zu entsprechen, denn selbstverständlich heuchelt man (besser: Lehramts-Ische[L.-I.]) den Mitstudenten Gleichgültigkeit vor, man (ahem: L.-I.) will ja nich auffallen. Aber ab und zu erwischt man tatsächlich mal eine oder zwei dieser Spezies, die es wagen, sich zu melden und mit dem Organon-modell von Bühler zu argumentieren. Erwischt. Pfui! In solchen Momenten ist es dann am Magisterstudenten, die Augenbrauen hochzuziehen und seine Verachtung zu zeigen, natürlich etwas deutlicher als es die L.-I. taten, und nur für den Nachbarn sichtbar, der sowieso schon seit zehn Semestern im Grundstudium ist und alle Studiengänge schon mal mitgemacht hat. Der versteht das.

Jede L.-I. weiß vom ersten Tag des ersten Semesters an, wann genau sie welche Kurse belegen muss, und auf welche Uni-Fete sie wann gehen wird.
Sie hat zu Beginn des Semesters eine Dekadenration an Vittel- oder Evian- Wasserflaschen abonniert, die sie gut sichtbar auf dem Campus in ihrer Prada-Imitation mit sich herumträgt. Darin befindet sich außerdem eine kleine Tupperdose mit Karottenscheiben, die sie zwischen den Seminaren mit ihren Komilitoninnen teilt und ein Joghurtglas mit fettarmem Inhalt. Sie hat in ihre Bücher kleine Zettelchen geklebt, um die Seiten zu markieren, und schreibt in den Vorlesungen immer mit dem Füller mit, es sei denn, es geht alles viel zu schnell, und sie schreibt es zu Hause noch mal in Reinschrift ab. Dann benutzt sie einen Kugelschreiber mit Plüschquaddel. In die Innenseite ihres Ringordners, in dem sie mit Trennpappe alle Kurse untergebracht hat, malt sie kleine Herzchen wenn sie sich langweilt. Manchmal findet man hier auch kleine Liebesbeweise ihres verständnisvollen Freundes, á la „Janine, ich liebe dich!“ mit Herzchen als i-Punkt, oder geistreiche Sprüche von ihren Freundinnen, in verschnörkelter Kleinmädchenschrift, wie „Llorett 99 war toll.“ oder „Für meine allerbeste Freundin!!!“ Auf Rechtschreibung wird hierbei nicht soviel Wert gelegt, der Gedanke zählt.
Wenn sie mich durch Zufall dabei erwischen würden, wie ich „Hell is Fachdidaktik“ in meinen Ordner kritzele, könnten sie vermutlich auf fünf verschiedene Weisen reagieren:
1. Sie verstehen das nicht, weil sie kein Englisch können, und tun so, als hätten sie nichts gesehen.
2. Sie verstehen das nicht, weil sie kein Englisch können, tun aber so, als hätten sie es verstanden und grinsen mich verschwörerisch an. Wenn sie dann feststellen, dass ich sie durchschaut habe, fragen sie schnell ganz leise ihre Freundin, was das heißen soll.
3. Sie verstehen das, und halten mich für ein postpubertäres autodidaktisch orientiertes Wesen, mit dem sie lieber nichts zu tun haben wollen. Dies bestätigt sich ihrer Meinung auch noch dadurch, dass ich schwarz trage, und kein rosa.
4. Sie verstehen das, und fragen mich, welchen Studiengang ich belegt habe, weil sie sich denken können, dass ich garantiert Magister bin.
5. Sie heucheln Desinteresse, und lästern später auf dem Rasen bei ihren Freundinnen über mich, weil ich es gewagt habe, derart konspiratives Gedankengut zu unterstützen. Natürlich benutzen sie dieses Wort nicht.

Selbstverständlich himmeln sie auch alle den Lehrbeauftragten für Literaturwissenschaft an, weil der ja sooo süß aussieht! Aber bestimmt is der schwul. Schade, hihi. Wenn man denen sagen würde, dass der Typ seit fünf Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat, wäre das wohl unter „seelischer Grausamkeit“ zu verbuchen.
Linguistik haben sie sowieso nie kapiert, das is ja auch soo schwer!! Sie haben den Einführungskurs alle zweimal gemacht, und wenn herauskommt, dass man den als Magister schon beim ersten Mal bestanden hat und für „Linguistics1“ in Anglistik nicht gelernt hat und trotzdem locker durchgekommen ist, hat man den scharlachroten Buchstaben quasi schon auf der Brust. „S“ für „Streber“. Oder besser für „Schlauer als wir.“ Wenn man Glück hat, muss man aber gar nicht soweit gehen, um abgestempelt zu werden. Grundsätzlich ist für L.-I.s nämlich erst mal alles viel zu schwer und nie im Leben zu bestehen. Da muss man nur mal ein paar Vokabeln mehr wissen als sie, und schon wird fleißig getuschelt.

Sie schaffen es immer wie durch ein Wunder, sich rechtzeitig in alle möglichen Listen einzutragen und gehen zu allen anstehenden Universammlungen und Wahlen.
Das liegt wohl daran, dass sie prinzipiell Kurse morgens um acht belegen, wenn Magisterstudenten noch schlafen, und vor sechs Uhr abends nicht gehen.
Sie beteiligen sich auch am Hochschulsport, aber nur am Geräteturnen oder Aerobics, und am liebsten würden sie auch noch einen italienischen Sprachkurs belegen, denn schließlich werden sie in den Ferien mit ihrem „Janine, ich liebe dich!“-Freund und dessen Eltern nach Venedig fahren.

Sie fahren nie mit dem Bus, weil Mami und Papi mit den doppelten Einkommen ihnen zum bestandenen Abitur ein eigenes Auto gekauft haben - in ihren Augen ein voll kultiges Gefährt, das sich bei näherem Hinschauen als 08/15- Polo in rot mit ihren Initialen auf dem Kennzeichen, weil sie es sonst im Polo-Dschungel verlieren würden, entpuppt, der auch nur mit Sprit und nicht mit „Obsession“ fährt.
Sie haben auch einen voll coolen Nebenjob, aber leider müssen sie deswegen oft die Treffen mit ihren Freundinnen, auf denen sowieso nur über die Uni geredet wird, verzichten. Irgendwie müssen sie ja das Pferd ernähren und den Polo auftanken.

Es gibt natürlich auch Magister, die nicht richtig ticken, und auch L.-I.s, die wirklich nett sind, aber leider gehören die zur Minderheit. Vielleicht schaffen wir es irgendwann mal, unsere geheuchelte Toleranz über Bord zu werfen und uns mit Nachdruck auf alle Lehramts-Ischen dieser Welt zu stürzen, um dabei unseren Kampfschrei: „Du nervst. Geh sterben!“ zu brüllen.
Tsjakaa!

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Rempel-Rentner und die Rettung der Welt Disco