Der Anschlag
Sie taten immer so verdammt klug. Sie setzten gerne diese ernsten Gesichter auf, die einem sagen sollten: "Hört zu, Freunde, die Sache liegt im Argen, ihr versteht das vielleicht nicht, aber es muss etwas geschehen, wir würden uns gerne da raus halten, aber wir sind nun einmal so verdammt stark, dass wir so ziemlich die einzigen sind, die diese Kameltreiber und Schlitzaugen auf Trab bringen können, irgendwann werdet ihr das kapieren." Sie meißelten sich Falten in die Stirn; sie bedauerten; sie bauten kleine Atombomben. Sie machten Spielfilme, in denen alle zwei Minuten ein Magazin laut klackend in einen Pistolengriff gerammt wurde, und alle fünf Minuten irgendein Nigger die Ladung einer abgesägten Schrotflinte mit seiner Fresse aufhalten musste. Sie waren offensichtlich krank und verrückt. Sie passten nicht zu uns. Sie passten nicht zu Bacardi-Pete, Humpel-Horst, Sachsen-Steffen und mir.
"Überall pflanzen sie ihren fetten Arsch hin. Von wegen Stabilität! Absatzmärkte!" rief Pete, um dann sehr langsam und gleichmäßig die zweite Hälfte seines Bacardi-Orange einzusaugen.
"Den Nachtwächter von Karthum haben sie ermordet", sagte Humpel-Horst und leerte sein eiskaltes Gläschen Bismarck.
"Hör jetzt auf zu saufen, Horst", mahnte ich, "wenn uns ’ne Polizeistreife krallt, stehen wir ziemlich blöd da. Vier Helden, deren patriotischer Anschlag wegen Trunkenheit am Steuer ins Wasser fällt."
"Fahr du doch", maulte Humpel-Horst.
"Nix da!" schrie Sachsen-Steffen. "Das ist dein verschissener Kadett, und du fährst ihn! Wie abgemacht! Wir drei haben viel zu viel eingepichelt!"
"Ihr seid bö-bö-bö, bö, bekloppt", sagte Renate, unsere Wirtin. Sie stotterte. Manchmal stotterte sie nicht. Aber wenn sie irgendwie aufgeregt war, oder was, stotterte sie unter Garantie. Im Moment zerhackte wohl die unklare Angst, dass sie und das ’Orber Stübchen’ da mit reingezogen werden könnten, ihre warnenden Kommentare.
"Unabhängigkeitskrieg", sagte Sachsen-Steffen, sein Hobby war Geschichte, "Scharfschießen aus dem Hinterhalt auf weithin sichtbare, bunt gekleidete Offiziere. Missachtung des europäischen Ehrenkodex!"
"Der eigentliche Charakter der nordamerikanischen Nation ist Gemeinheit. Moralische, intellektuelle, ästhetische, gesellige Gemeinheit. Schopenhauer", sagte ich wichtig.
"Klugscheißer", meinte Bacardi-Pete.
"Einfach totgebombt, den Nachtwächter von Karthum“, sagte Humpel-Horst und schmolz mit dem Daumen die feine Eisschicht auf seinem leeren Bismarck-Gläschen.
"Diese Ich-äh-Scheiße", sagte Bacardi-Pete, "kennt ihr diese Ich-äh-Scheiße aus den Ammi-Filmen? Ich-äh, ich-äh, ich-äh. Diese Ärsche wissen nicht, was sie sagen sollen, aber eins wissen sie immer genau: ICH!"
"Napalm ist ein schwieriges Zeug", erklärte Sachsen-Steffen, "es brennt sich durchs Fleisch, bis auf den Knochen. Du kannst in einen Fluss springen, aber dieses Zeug gibt auch unter Wasser nicht auf."
Renate stellte drei weitere Bismarck und einen Bacardi-Orange vor uns auf den Tresen. Ich wollte mir Humpel-Horsts Gläschen greifen, doch er war schneller.
"War doch schon bestellt!" empörte sich der Gute, und zack, nich’ lange schnacken, Kopp in’n Nacken, war das Ding vernichtet.
"Die muselmanischen Selbstmordattentäter." Ich musste ernst werden, um den Erfolg unserer Aktion sicher zu stellen.
"Diese Burschen können und sollen uns Vorbild sein. Sie lassen es einfach nicht zu, dass dieser fette Ammi-Arsch auf sie nieder geht und alles erstickt. Vaterlandsliebe! Mannhaftigkeit! Sterben ist ihre einzige Waffe, und sie benutzen sie. Für ihr Land, für ihre Leute. Begreifst du das, Horst?"
"Scheiße", sagte Humpel-Horst und kritzelte mit dem Daumennagel in der Eisschicht seines Gläschens. Er hatte Angst. Das sah man ganz deutlich.
"Ihr seid bö-bö-bö, bö, bö, bescheuert", sagte Renate. Im Profil sah sie aus wie ein Kamel, die mächtige Unterlippe über dem kleinen Kinnhubbel (und der Höcker war ihr in den Arsch gerutscht).
"’Ne aufgepumpte Vietkong-Braut kam beim bodycount glatt auf zwei", sagte Sachsen-Steffen verbindlich.
"Okay, Jungs, wir sollten los." Ich kippte meinen Bismarck.
Es war zwei Uhr nachts, und es wurde Zeit.
"Uhrenvergleich!" freute sich Sachsen-Steffen.
"Du bist doch blöd", meldete sich Humpel-Horst, "wir bleiben doch zusammen, wofür da Uhrenvergleich? Käse."
Da hatte der Mann nicht ganz unrecht; und er schob gleich eins nach: "Könnte ich nicht nur den Fahrer machen?"
"Nix da!" schrie Sachsen-Steffen. "Entweder alle oder keiner!"
"Also los jetzt", mahnte ich und rutschte vom Barhocker.
"Was is’ mit Zahlen?" Renate war hellwach.
"Ich wollte eigentlich ’n Deckel machen und… "
"Neenee", Renate schwenkte ihren Unterlipplappen durch die Luft, "ihr dämlichen Säcke macht irgend’n Sch-Scheiß, und ich kann dann in die Röhre gucken, oder w-was?" Offensichtlich hatte sie uns schon abgeschrieben. Also zahlten wir. Vor der Türe stand Humpel-Horsts Kadett. Die Kiste sah aus, als ob sie Ausschlag hätte, überall diese Flecken von Rostschutzfarbe drauf. Dieser Mann war arbeitslos, aber zum Lackieren kam er nicht. Fürs Ausbeulen und Spachteln des linken, hinteren Kotflügels hatte er vier Wochen gebraucht. Klar, das Ausfüllen von Lotto-Scheinen, die tägliche Injektion von TV-Serien, der allabendliche Besuch des ’Orber Stübchens’ sowie exzessive Masturbation kosteten viel Zeit. Wir wollen da nicht ungerecht sein.
"’Sackgesichter’! Also, was soll das? Du, als Historiker, ich meine…", Bacardi-Pete schüttelte den Kopf. Tatsächlich hatte Sachsen-Steffen gestern nacht nur ein ‘Sackgesichter’ hingesprüht, und man konnte Bacardi-Pete in seiner Einschätzung Recht geben, hierin nur einen äußerst schwachen Abdruck von Sachsen-Steffens historisch-kritischer Kompetenz zu erblicken. Möglicherweise war’s aber bloß premierenbedingtes Lampenfieber gewesen.
"‘Sackgesichter’, das kann doch gegen alles Mögliche gerichtet sein", Bacardi-Pete war noch nicht fertig mit Sachsen-Steffen, "Beschwerde, weil der Geschäftsführer dir auf deinen Big Mac geschissen hat, oder was?"
Humpel-Horst startete ein hässliches, vermeckertes Lachen.
"Wieso denn", wehrte sich Sachsen-Steffen, "mein Spruch steht doch direkt neben euren! Da ist die Sache doch klar!" Okay, das konnte man einräumen. Die direkte Nachbarschaft unserer Elaborate stellte einen Kontext her, der semantische Unklarheiten zu mildern in der Lage sein dürfte. Ich selbst hatte ein ‘Fuck you, Ammi’ auf die Fensterscheibe der Klops-Klitsche gesprüht, nicht sonderlich geistreich, ich gebe es zu, aber doch auch wieder amerikanisch-klassisch irgendwie, ich war halt ein wenig konservativ. Bacardi-Pete war da kreativer zur Sache gegangen und hatte ein prägnantes ‘AMMIS SCHWEINEBANDE SCHWEINEPRIESTER’ aus der Sprühdose gelassen. Nominativ und zwei Gleichsetzungsnominative, männlich-radikaler Verzicht auf Verb, nebenordnende Konjunktion und Interpunktion. Kurz und hart, fast poetry slam, was?
"Und was lachst du so blöd?" Sachsen-Steffen schaltete Humpel-Horsts heimtückisches Gemecker schlagartig aus. "Ha! Oh! Ha! Emm! So dämlich muss man erst einmal sein!" Horst bekam das heute schon zum dritten Mal zu hören. "Die denken doch jetzt, wir sind alle so schwachsinnig wie du!" Steffen ließ feinste Speicheltröpfchen durch den illuminierten Kneipennebel flitzen. Wir wussten zwar, dass Humpel-Horst nicht fit im Englischen war, aber einen solchen fetten faux pas hatte dann doch keiner von uns erwartet. ‘Ami go hohm’ hatte er in großen roten Lettern auf die Scheibe gesprüht, direkt über der Werbefolie für einen verbilligten Fischburger. Wir saßen schon wieder im Wagen, als wir’s sahen; wir schrieen Horst die Ohren voll, er solle noch mal raus, eine orthographische Korrektur vornehmen. Doch Horst drehte im wörtlichen Sinne durch. Kavaliersstart, Gummi, Qualm. Also musste es so stehen bleiben. Und Humpel-Horst fuhr uns ‘hohm’.
Jetzt quetschte er den Filter seiner Marlbi mit Daumen und Zeigefinger, überlegte offenbar, wie er Sachsen-Steffen parieren könne. Dann hatte er’s.
"Sackgesicht!" meinte er pfiffig, und diesmal war es Bacardi-Pete, der ein paar kurze, böse Lacher rausließ.
"Peace, boys", kalmierte ich in die Runde, "wir sind gute Patrioten. Wir haben unsere vaterländische Pflicht erfüllt. Okay, wir hätten besser sein können, aber es ist eben noch kein Master aus’m Sky… "
"Ihr seid bö-bö-bö, bö, bö, bö; blödearschgeigen." Renate stellte uns den Bismarck auf den Tresen. Das heißt, für Pete gab es Bacardi-Orange. Er trank halt nichts anderes.