Vorsatz oder Affekt?
In den meisten Fällen beginnt die Diskussion nach dem Silvesterfeuerwerk, also dann, wenn sich das Neue Jahr noch jungfräulich dem Betrachter darbietet. Spätestens aber beim obligatorischen Katerfrühstück am Neujahrstag:
"Was hast du denn für gute Vorsätze im Neuen Jahr?"
Und wieder steht Wohl und Wehe der internationalen Tabakindustrie auf der Kippe, weil Millionen von Rauchern dem Genuss abschwören, es wird - verdammt noch mal - nicht mehr geflucht und alle Floristen müssen Überstunden schieben um die versprochenen Vorsätze nachlässiger Ehemänner einlösen zu können.
Seit Langem habe ich mir angewöhnt, diese Frage mit "Ich kaufe mir einen neuen Kalender" zu beantworten, denn Erfahrung macht klug. Da manche Zeitgenossen sich damit nicht zufrieden geben und weiter bohren, bleibt nur noch die Wortklauberei. Dies setzt jedoch umfassende Kenntnisse und Vorbereitung voraus, gepaart mit einem Gesprächspartner, der keine Ahnung hat. Bedient sich der geneigte Leser der einschlägigen Literatur, so stellt er erstaunt fest, dass der Begriff 'Vorsatz' mindestens vier Möglichkeiten der Deutung zulässt. Selbst der Bundeskanzler weiß, dass man vor Beginn einer ernsthaften Diskussion klären sollte, dass alle Beteiligten von der selben Sache reden, also entweder von Äpfeln oder von Birnen, denn sonst gibt es nur einen Obstsalat.
Am Neujahrsmorgen können wir davon ausgehen, dass mit dem Vorsatz eine Absicht oder ein Vorhaben ausgedrückt werden soll. Besonders dann, wenn es ein guter Vorsatz ist. Im Messwesen kennen wir das Vorsatz-Zeichen. So weiß jeder anständige Kneipengänger dass mit 'hl' natürlich Hektoliter gemeint ist. Begeben wir uns in das Reich der Technik, so stolpern wir bald über viel Vorgesetztes, wie z.B. eine Vorsatzscheibe, die im Winter unsere alten Fenster besser isolieren soll. Richtig interessant wird es in der Rechtsprechung. Denn hier gibt es keine guten Vorsätze. Die vorsätzlich begangene Tat, so sie nachgewiesen werden kann, wirkt im Gegensatz zur Affekthandlung strafverschärfend. Im Affekt handeln wir aus einer Gemütserregung heraus, wenn wir also beispielsweise die nette Politesse erschlagen, die uns liebevoll einen Zettel unter den Scheibenwischer klemmt und dabei hämisch grinst. Stellt sich die Frage, ob man auch gute Handlungen im Affekt vollbringen kann. Wo der Unterschied zum Vorsatz ist? Nun, der Affekttäter kauft seiner Frau Blumen, weil ihm gerade danach ist, also aus der Gemütsbewegung heraus und nicht, weil er sich an Silvester dazu verpflichtet hat. Aus dem gleichen Grunde hilft er auch der netten Omi über die Straße. Die müsste nämlich sonst lange warten, bis der entsprechende Vorsatztäter vorbei kommt. Mir sind die Affekttäter lieber, weil sie weniger unterscheiden.
Was habe ich auch von einem Nachbarn, der seinen guten Vorsatz in die Tat umgesetzt und aus seiner Wohnung eine rauchfreie Zone gemacht hat, aber weiterhin mit seiner alten Karre meinen Parkplatz blockiert? Außerdem macht uns ein guter Vorsatz - oder vielleicht sogar zwei - nicht unbedingt zu besseren Menschen. Auch dann nicht, wenn wir anderer Meinung sind.
Sagt doch schon Eugen Roth:
Ein Mensch hört staunend und empört,
dass er, als Unmensch, alle stört.
Er nämlich bildet selbst sich ein,
der angenehmste Mensch zu sein.
Ein Beispiel mach euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar!
Oder anders ausgedrückt: Jeder Mensch hat seine Fehler. Ich wünschte, ich hätte auch welche.