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Das Geld der Milliardäre

In der Satirezeitung war oft von Milliardären die Rede, aber tatsächlich weiß keiner von denen, wie viel Zaster er genau besitzt und wo es sich gerade rum treibt. Sie sind die einzigen, die das Motto der Banken ernst genommen haben: Lassen Sie Ihr Geld arbeiten!
Milliardäre haben ihr Geld nicht im Schuhkarton unter dem Bett, sondern haben es den Pofis auf dem Kapitalmarkt anvertraut, um Mehrgeld daraus zu machen; aber wo ihr Geld gerade "arbeitet", in der Währungsspekulation (zwei Billionen Dollar täglich!) oder im Aufblasen und Abzocken von Aktienkursen oder in Termingeschäften und Optionen (die Hälfte aller Geldgeschäfte auf dem Kapitalmarkt sind Wetten!) oder in Staatsverschuldungen, das interessiert einen Milliardär überhaupt nicht. Er erfährt nur zu festgelegten Zeiten seinen "Kontostand".
Ein Gespenst geht um die Welt, das Gespenst des anonymen virtuellen Geldes! Das Geld war vor Jahrzehnten in den Kreislauf der Marktwirtschaft eingebunden, als Kaufkraft, als Erspartes, als Profit und als Kredit. Das kapitalistische Wirtschaftssystem als Ganzes bürgte für seine Realität. Nur ein kleiner Teil des Geldes tauchte in die Virtualität ab: als virtuelle Kaufkraft und als virtuelles Investitionskapital. Sein Übergang in die Realität zu jeder gewünschten Zeit schien gesichert durch die Stabilität der Gesellschaft als Bürgschaft für die Staatsschulden, durch das Vertrauen in die Seriosität der Gewinn orientierten Industriekonzerne wegen der ständigen Rationalisierung der Warenproduktion und durch die Zuverlässigkeit der Finanzmärkte bei der Wahl der richtigen (weil profitablen) Kapitalanlagen.

Etwa seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts erreichte etwa die Hälfte des in der Gesellschaft anonym agierenden Geldes den Zustand der reinen Virtualität, weil es sich auf den Finanzmärkten im Sekunden- und Minutentakt in eine neue Form verwandeln konnte, immer mit dem Ziel, sich ohne den Umweg über Gewinnausschüttungen und Zinserträge zu vermehren. Auch der Mittelstand und die so genannten "Kleinanleger" vermehrten den großen Topf des anonymen (weil im jeweils konkreten Zustand unbekannten) virtuellen Geldes.

In unserem Jahrtausend ist die Gesellschaft nur noch zu rund 4-6% eine Marktwirtschaft, egal, ob diese "sozial" oder "frei" funktioniert. Diese merkwürdige Tatsache resultiert allein daraus, dass rund 20 mal mehr "Geldgeschäfte" als Warengeschäfte getätigt werden. Selbst die großen Wirtschaftskonzerne tätigen im Jahr 5-10-mal so viele Geldgeschäfte wie ihr gesamter Warenumsatz ausmacht. Dabei gehen die Geldgeschäfte als Gewinne oder auch Verluste in ihre Jahresbilanz ein, die wiederum den virtuellen Wert des Unternehmens auf den Finanzmärkten bestimmt oder wenigstens beeinflusst, denn auch das virtuelle Geld benötigt einen virtuellen Anker, der die Verbindung zur gesellschaftlichen Realität herstellt.

Wenn schon die großen Unternehmen mehr Geld- als Warengeschäfte tätigen, wie dann erst das "freie Kapital", deren Besitzern es frei steht, es in Investitionen oder Kredite zu verwandeln, oder aber von allen derartigen Bindungen "frei" zu bleiben, d.h. heute als Aktienbesitz, morgen als Kreditgeber für die Schulden irgend eines Staates in der Welt oder übermorgen als eine "Option" (eine Art Wette, wie die Werte auf den Finanzmärkten in der Zukunft aussehen werden) auftauchen. Auch der Wechsel der Währungen kann dem freien Kapital ebenfalls zu Gewinnen oder auch zu Verlusten verhelfen.

Die Super-Reichen, denen man häufig den schwarzen Peter für die soziale Schieflage in den
marktwirtschaftlichen Gesellschaften zuschieben möchte, sind am gegenwärtig erreichten Zustand unserer Gesellschaft zwar de facto, nicht aber moralisch schuldig, denn sie tun nur das, was jeder Rentner auch macht: aus Geld Mehrgeld machen.

Wenn sich rund 90% unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit in den unergründlichen Tiefen einer anonymen Virtualität abspielen, dem von aller Realität abgehobenen reinen Spiel mit dem Geld, dann sind Regierungsprogramme schon Makulatur, bevor sie überhaupt aufgestellt sind. Wie man von einem Wal, wenn er auftaucht, nur eine kleine feste Oberfläche sieht, auf der man wahrlich keine Häuser bauen würde, so ist unsere Gesellschaft zu einer dünnen Haut geworden, die das Gespenst des anonymen virtuellen Geldes umspannt.
Es ist das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass ein wirkliches Gespenst von der global
gewordenen Gesellschaft Besitz ergriffen hat. Keine Regierungen, keine Diktatoren und keine
Klassen sind für dieses Gespenst verantwortlich oder haftbar zu machen. Niemand in der modernen Gesellschaft, ob Reich oder Arm, ob Kapitalist oder Arbeiter, ob Sozialist oder Liberaler wäre in der Lage, es zu bändigen. Niemand weiß, ob uns dieses Gespenst wohl gesonnen ist oder nicht. Wir wissen lediglich, dass unsere Zukunft gespenstisch sein wird.

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Politiker als Dompteure der Geschichte Viermal quergedacht (16)