Politiker als Dompteure der Geschichte
Manche meinen, es gäbe einen Unterschied: wie ein Politiker sein sollte und wie er wirklich ist. Aber einen solchen Unterschied kann es gar nicht geben, denn wenn ein Politiker nicht so ist, wie er sein sollte, wäre er es nicht lange. Ein Politiker steht immer mitten im Strom der Geschichte, der, aufgeschäumt durch die Tagesereignisse, nur selten den Blick auf den tieferen Grund freigibt. Sehen kann man immer nur den Schaum, der manchmal auch zum Abschaum wird, der sich mit großer Leichtigkeit über alle Gesetze der Schwerkraft hinwegzusetzen scheint.
Ein Politiker ist somit stets schaumgeboren und bewegt sich wie ein Kanufahrer im Wildwasser der Geschichte. Bewundernd stehen die Beobachter am Rande und glauben am Ende, dass das Wildwasser auf Anweisung der Profis erst angelegt wurde. Angelegt und mit Zuschauertribünen umsäumt als Imitation für wirkliche Wildwasser und natürlich dafür, die Geschicklichkeit der Rivalen ins rechte Licht zu setzen. Mancher erreicht sein Ziel nicht und muss aufgeben, doch die Begeisterung gilt den Vorderen, den Starken und Mutigen, den Wendigen und Glücklichen. Sie zeigen uns immer wieder, dass man die Geschichte bewältigen und überwältigen kann. Erforderlich ist natürlich eine gute, von einer Lobby gesponserte Ausrüstung und ein hartes Training. Auch die bisherige Karriereerfahrung zahlt sich aus: man weiß, wie man mit Strudeln und Stromschnellen umzugehen hat.
Es ist nicht mehr die Geschichte selbst, die unser Interesse hervorruft, sondern wie sich die Politiker in ihr bewegen: die /i> Politik bewegt uns, nicht die Geschichte. Das ist der eigentliche Fortschritt der Menschheit: So wie der Mensch fliegen lernte, obwohl er keine Flügel hatte, so maßt er sich nun an, sich durch Politik zum eigentlichen Schöpfer der Geschichte zu machen, obwohl die Brunnen lange versiegt sind, aus denen er schöpfen könnte. Die Menschen haben sich nicht nur die Natur, sondern auch die Geschichte untertan gemacht. Viele Menschen glauben es zumindest, weil die Politiker es ihnen glaubhaft versichern. Und was könnte die Geschichte schon gegen die Politiker ausrichten? Bestenfalls die alten durch neue ersetzen. Aber dazu bedürfen die Politiker schon lange nicht mehr der Geschichte, weil das zu einem internen Problem der Politik selbst geworden ist: Nicht die Geschichte sucht sich ihre Politiker, sondern die Politik sucht sich ihre Geschichte und macht sich ihre Geschichte.
Alles Heil auf Erden geht nunmehr nur noch von den Politikern aus. Demokratie bedeutet, dass das Volk sich mit mehr oder weniger Verstand und mehr oder weniger Gläubigkeit und Vertrauen seine Herrscher selbst aussucht. Manchmal beklagen sich die Politiker über ihr Volk. Aber nur, solange sie in der Opposition sind, obwohl sie doch die angeblich besseren Programme haben. Und die Geschichte wartet geduldig, was die Herrschenden über sie beschließt. Der Augenschein, dem sich auch alle Medien verpflichtet fühlen, lehrt: Die Politik macht die Geschichte, nicht umgekehrt. Die Politik steht kämpfend, erklärend und Ausschau haltend herausgehoben über dem Strom der Geschichte. Das blindwütige Raubtier Geschichte ist gebändigt. Es gehorcht, zwar widerwillig, aber dank der unseren Geist überwältigenden Interpretationen seines Wesens fast wehrlos, seinen Dompteuren. Nur in den unbewachten Augenblicken des Übergangs von einer Politik zu einer anderen und daher des politischen Vakuums zeigt sich die Geschichte pur. Sie bricht geradezu aus und reißt alle Dämme nieder. Wir sind zutiefst erschrocken. Wenn es uns nicht gelingt, sehr schnell mutige und kraftvolle Dompteure zu finden, um sie wieder einzufangen, denn sonst treiben wir hilflos hinein in den Naturzustand der ungebändigten Austragung aller Lebens- und Überlebensinteressen.
Wenn nun aber die Dompteure untereinander in Streit geraten, dann wird die Geschichte gewissermaßen zerteilt in viele Bestien, die da zum Sprunge angesetzt haben, um die Zukunft für sich zu entscheiden. Die Geschichte zerfleischt sich selbst, und spätere Geschichtsschreiber verfolgen nur noch die Spur der Sieger, die mit der Spur des Fortschritts übereinstimmt. Die meisten Menschen fühlen sich als Zuschauer in einem sicheren Abstand von den Zäunen, hinter denen die Vorführungen der gezähmten Wildkatze »Geschichte« stattfinden, um den Beifall für die geschicktesten Dompteure herauszulocken. Oft läuft uns ein Schauer über den Rücken. Aber darin erschöpft sich. meist auch unsere direkte Beziehung zur Menschheitsgeschichte