Der entschlüsselte Mensch
Die Genetik ist in aller Munde. Der Mensch ist »entschlüsselt«. Man hat den Schlüssel zum Verständnis seines Wesens gefunden. Es ist die Natur seiner Gene, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist! Aber er hat nur einige wenige Gene mehr, als in den vielen Arten der Natur vor ihm anzutreffen sind. Es sind rund 30.000, doppelt so viele, wie schon die Fliege besitzt.
Wir sind also durch und durch nicht nur ein uraltes Naturwesen, sondern auch in unserem Verhalten von der Natur und ihrem Schatz an Genen geprägt. Das ist uns meist noch gar nicht so richtig bewusst geworden.
Überhaupt spricht man im Volksmund, aber auch in Fachkreisen, gern von »der« Natur, die alles so phantastisch und zweckmäßig eingerichtet hätte, dass unsere Techniker sich noch lange eine Scheibe von ihrem Einfallsreichtum abschneiden könnten, ohne ihren Perfektionismus je zu erreichen. Aber wer ist »die Natur«? Ein sehr eigentümliches Wesen, das einfach so vor sich hinwurstelt und plötzlich soviel Pracht und Schönheit, aber ebenso auch einen derartig großen Funktionsreichtum hervorgebracht hat, dass man nur staunen kann. Man kann sich nicht einmal vorstellen, wie das gehen soll. Wäre es da nicht viel einfacher, erhellender und auch phantasievoller, das alles den Lebewesen selbst in die Schuhe zu schieben?
Nehmen wir z.B. die Frösche, deren für uns hervorstechenstes Merkmal ihr »Quaak Quaak« ist, wenn sie im und am Teich ihres Lebens auf sich aufmerksam machen wollen. Natürlich geht es ihnen dabei vor allem um die Weibchen. Wir Menschen haben das Gen für dieses »Quaak Quaak« auf alle Gebiete unseres Lebens übertragen. Es bedeutet einfach »Ich bin der Größte, hört nicht auf die anderen!«. Wir nennen das heute in der Wirtschaft die Topmanager, in der Demokratie die Spitzenpolitiker und - vor allem in ihrem bestaunenswerten Privatleben - die Stars der Unterhaltungskunst. Aber letztlich können wir alle nicht dafür. Es steckt in unseren Genen. Es gibt also darum nicht nur die großen, sondern auch die kleinen Frösche.
Oder nehmen wir die Blumen. Warum bemühen sie sich, die schönsten zu sein und die buntesten Blüten zu haben? Nur damit alle anderen Blumen um sie herum vor Neid erblassen? Vielleicht. Möglich ist das schon. Aber vor allem wollen sie die Schmetterlinge anlocken, damit sie bestäubt werden. Kleine hässliche Blüten gehen leer aus. Dass man die Frauen oft liebevoll mit den Blüten in der Blüte ihres Lebens vergleicht, hat schon einen tiefen genetischen Sinn. Aber nicht jeder kann eine Lotosblume (eine asiatische Wasserrose!) oder eine Orchidee sein eigen nennen, vor allem, wenn man nicht selbst zu den prachtvollen Schmetterlingen gehört.
Oder nehmen wir die Vögel. Aufopferungsvoll sitzt das Weibchen auf den Eiern, um sie auszubrüten, während das Männchen auf Futtersuche geht, um dann das Weibchen auf ihrem Nest füttern zu können. Er sieht dabei nicht nach links und nicht nach rechts zu den anderen Weibchen, die so verführerisch zirzen, weil sie noch keine Eier gelegt haben. Ist das nicht die ganz offensichtlich genetisch angeborene Treue des Mannes und die ihm ebenfalls angeborene Versorgungspflicht für seine Familie? Bei einigen Vogelarten hält sie das ganze Leben an, bei anderen nur eine einzige Brutperiode. Wir haben beides in unseren Genen, wie uns das Zusammenleben von Mann und Frau anschaulich beweist.
Vor allem beeindruckt uns aber der Pfau. Wozu braucht er nur diese Pracht seiner zum Rad gespreizten bunten Federn? Wer sonst hat schon so viele bunte und wunderschöne Federn? Nur seinesgleichen, mit denen er sich messen könnte. Die ganze Vogelwelt bewundert ihn. Auch wir streben nach Macht und Reichtum und spreizen uns dann wie ein Pfau. Ich habe mich schon immer gefragt, woher kommt eigentlich die Prunksucht der Reichen und Mächtigen? Es ist das Pfau-Gen! Manche haben sogar ein doppeltes Gen von dieser Sorte, wodurch sie als besonders glücklich einzustufen sind.
Da gibt es aber auch die armen Würmer, die vorne Mann und hinten Weib sind (oder andersrum, je nachdem, von welcher Seite man sie anblickt). Sie suchen im anderen Wurm das Weib, weil sie Mann sind, oder im anderen Wurm den Mann, weil sie Weib sind. Man sieht daran, dass auch diese Gene unbarmherzig bis auf die Menschheit durchgeschlagen haben.
Besonders nah sollen uns die Schweine stehen. Genetisch kann man ihre Organe auch auf den Menschen übertragen. Aus der Sicht der Schweine sind wir Menschen eben auch Schweine, gute Schweine, weil wir liebevoll für das Schweinefutter sorgen, an dem sie sich mästen können.
Aber auch den Affen fehlen nur ganz ganz wenige Gene, um sich als Mensch fühlen zu können. Wenn beim Menschen dagegen ein paar Gene zu fehlen scheinen, betrachten wir sie als Affen. »Du Affe« ist ein gängiges Schimpfwort. Aber den meisten bleibt der genetische Hintergrund für diesen Vergleich verborgen. Kein Affe würde zu einem anderen Affen »Du Affe« sagen, denn die Antwort könnte ja nur lauten: »Selber Affe«. »Du Mensch« kann also nie ein Schimpfwort sein, höchstens seine Reduzierung auf einen Teil, z.B. »Du Arschloch«, oder »Du Schlappschwanz«, oder »Du Hohlkopf«, denn durch diese Reduzierung deutet man gleichzeitig auf einen Mangel an Genen hin. Erst ihre Vollständigkeit macht den Menschen zum Menschen.
Am eindrucksvollsten sind für uns die Hirsche. Sie leben friedlich und sozialverträglich in Rudeln. Sie entwickeln einen richtigen Gemeinschaftsgeist. Doch dann kommt die Paarungszeit mit der unausweichlichen Frage, wer denn nun der Mächtigste ist. Das kann nur durch Kampf ausgetragen werden! Als Lohn winkt ein ganzer Harem voller Weibchen. Keine von ihnen möchte sich mit einem erfolglosen Schwächling paaren! Schließlich wollen sie einen Nachwuchs zur Welt bringen, der in der Lage ist, auch wieder zu den Herrschenden zu gehören. Für die Menschen ist immer Paarungszeit. Das ist der einzige Unterschied. Wir sind sozial, aber bitte unter Beachtung der Rangfolge. Auch ein Harem auf einmal wäre keinem Mann zuzumuten (wenn wir dabei von einem Araber mal absehen). Viele verteilen das nach heftigen Kämpfen mit den Nebenbuhlern in eine Aufeinanderfolge.
Aber das sehen wir ja auch schon bei den Hühnern. Ein Hahn kämpft um sein Leben, wenn ihm ein fremder Hahn bei seinen Hühnern in die Quere kommt. Ist uns somit nicht auch unser Eifersuchtsgen in die Wiege gelegt worden? Überhaupt: Ist nicht das Kämpfen um Territorien und damit der Krieg zwischen den Völkern die menschliche Auslegung und Auslebung unserer von unseren tierischen Vorfahren produzierten Gene? Wer will das wissen? Uns steht nur frei zu interpretieren, wer als ein Rivale anzusehen ist. Im Alltag nennt man das auch »freier Wettbewerb«. Gekämpft wird dann ohne Erbarmen mit allen Mitteln, die uns die Natur und neuerdings auch die Technik zur Verfügung gestellt haben.
Es gibt in der Natur auch viele Beispiele dafür, dass sich die Weibchen die ihnen geeignet erscheinenden Paarungspartner erwählen. Die Frauenbewegung ist überzeugt davon, dass das für die weitere Menschheitsentwicklung bestimmend werden muss. Auch sie kann sich auf unsere Gene berufen. Warum nicht? Ob es die Mischung unserer Gene ist, die uns glücklich oder unglücklich macht? Sollte man wirklich die Natur unserer Gene dafür verantwortlich machen? Wie auch immer: Wir versuchen verzweifelt, das Beste daraus zu machen, aber meist machen wir das Falsche.